“Baumfällungen für Radverkehr ?” – Klarstellung und Presseerklärung des Vereins für nachhaltige Verkehrsentwicklung e.V. zur Debatte im Bezug auf die Kastanienallee in Rosenthal

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In den letzten Wochen kam es in vielen Stadtteilen Berlins zu Protesten von Bürgerinnen und Bürgern, weil für die Anlage von Radwegen alter Baumbestand weichen musste. Die Presse berichtete hierüber ausführlich, u.a. mit dem Titel „Klimaschutz mit Kettensäge“. Die Senatsverwaltung für Umwelt und Verkehr (SenUVK) sah sich zu einer öffentlichen Stellungnahme im Internet veranlasst und bezeichnet diese Proteste als „einzelne Fälle von Unmut“.

Angesichts der bestehenden und künftigen Verkehrsprobleme und auch im Lichte der Diskussion über den Diesel sind moderne Verkehrskonzepte mit Vorrang für ÖPNV und Radverkehr erforderlich. Ein möglichst flächendeckendes Radverkehrsnetz – neben Radrouten und geschützten Radwegen – auch entlang von übergeordneten Straßen ist hierbei ein wichtiger Bestandteil.

Leider wurde die Diskussion über die Umgestaltung der Kastanienalle in Pankow/Rosenthal in eine baumfreie Straße ab Eschenalle vom Senat, der SenUVK und den GRÜNEN in Pankow bislang auf die o.g. Debatte „Bäume gegen Radverkehr“ verengt und das Problem nur hierunter betrachtet. Dem möchten wir hiermit entgegentreten.

Rosenthal ist ein historisch gewachsenes Wohngebiet mit dörflichem Charakter. Die Kastanienallee ist mit ihrem alten Baumbestand untrennbarer Teil dieses Ortsbilds. Sie hat eine Sammelfunktion für das Wohngebiet. Nach der Wende und dem Fall der Mauer liegt Rosenthal jedoch zwischen Industriegebieten in Reinickendorf und dem Autobahnanschluss zur A114. Die Folge ist eine hohe Belastung durch Pendler und Schwerlastverkehr und gesundheitsgefährdende Lärmbelastungen in Spitzen zwischen 65-75dB(A) in diesem auch aktuell intensiv nachverdichteten Wohngebiet.

Trotz der unbestrittenen Relevanz der Errichtung von Radwegen im Zuge von Straßensanierungen fordern wir aufgrund der o.g. Besonderheiten für die Sanierung der Kastanienallee in Rosenthal ein individuelles Konzept einschließlich des Radverkehrs – zumindest für den dicht bebauten Abschnitt Eschenallee-Dietzgenstraße:

  • Die Anwendung des üblichen Straßenquerschnitts – was hier den völligen Wegfall von Straßenbäumen überhaupt bedeutet – stellt hier einen unverhältnismäßig schweren Eingriff in das Bild und die Struktur eines bestehenden und gewachsenen Wohngebiets dar.
  • Die Umgestaltung der Straße (baumfreie Betonfläche von Haus zu Haus, Verbreiterung der Fahrbahn) durch Wohngebiet setzt Fehlanreize für Schwerlastverkehr und Pendler, die mit den Zielen der Verkehrswende unvereinbar sind. Die Folge sind noch mehr Lärm- und Abgasbelastung sowie zusätzliche Verkehrsgefahren im Wohngebiet.
  • Das Wohngebiet droht von einer Verkehrsschneise zerteilt zu werden; die Planung erfolgt ohne tragfähige Konzepte für Industrie- und Pendlerverkehr, oder eine Schulwegplanung.

Die Erhaltung – oder zumindest die Neupflanzung – von Bäumen in der Kastanienallee halten wir aus Gründen der Erhaltung der Stadtnatur, der Lebensqualität und des Klimaschutzes, wie sie auch von der Stadtbaumkampagne des Senats vertreten werden, in einem dicht bebauten Wohngebiet für unabdingbar.

Der Verein für nachhaltige Verkehrsentwicklung e.V. hat sich mehrfach, zuletzt auf der Bürgerversammlung am 24.01.2018, mit Vorschlägen zu einer individuellen Lösung dieser Probleme unter Vereinbarkeit von Stadtbäumen mit Radverkehr in die Debatte eingebracht. Die Vertreter des Bezirksamts Pankow und der SenUVK haben auf der o.g. Veranstaltung zu diesen Aspekten außerhalb des Radverkehrs und der absehbar lärmschutzrechtlich ohnehin gebotenen Temporeduktion bedauerlicherweise keine Stellung genommen.

Das Ausspielen von Stadtbäumen gegen die Förderung des Radverkehrs halten wir im Sinne einer ökologischen und modernen Stadtentwicklung für falsch. Dort, wo nicht nach starrem Schema vorgegangen werden kann, müssen im Dialog mit allen Beteiligten individuelle Lösungen gefunden werden, die den Radverkehr fördern und die Stadtnatur, Gesundheit und Verkehrssicherheit erhalten. Die Gestaltung der Kastanienallee muss ferner eingebettet sein in ein Gesamtkonzept zur Lösung der Verkehrsprobleme im Norden Pankows, und darf vor allem die bestehenden Probleme nicht weiter verschärfen.

 

Pressekontakt:

Dr. Thomas Zoller

Ingo Baenisch

post@verkehr-pankow.de

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3 Gedanken zu „“Baumfällungen für Radverkehr ?” – Klarstellung und Presseerklärung des Vereins für nachhaltige Verkehrsentwicklung e.V. zur Debatte im Bezug auf die Kastanienallee in Rosenthal“

  1. Eine kluge, nachhaltige und mehrheitsfähige Stellungnahme, die Kompromissbereitschaft und Lösungsorientiertheit favorisiert. Bravo und Dank für Ihr Engagement! Sie setzen sich in ihrer Freizeit mit Name und Gesicht für die Belange vieler Tausend Bürger ein und verleihen Ihnen dadurch eine Stimme. Das ist wirklich toll.

  2. Leider sind die hier zu lesenden Stellungnahmen und Kommentare ausschließlich nach dem Motto “not in my backyard” gehalten. Wie schon in einem anderen Kommentar auf dieser Webseite zu lesen, ist ein nicht unerheblicher Teil der Bewohner dieses Wohngebiets in der komfortablen Lage, zwei Autos zu besitzen. Leider haben wir bisher aber noch keine fliegenden Autos, so dass diese Autos befahrbare Straßen benötigen. Bitte teilen Sie doch einfach mal mit, wo der Ost-West-Strassenverkehr denn sonst fahren soll. Bisher ist Ihre Aussage nämlich nur “Ist mir egal, Hauptsache nicht in meinem Kiez”. Und bitte keine Verweise darauf, dass man ja Rad fahren könne oder ähnlicher Unsinn. Wie soll mit dem real existierenden Verkehr, nicht mit dem erwünschten Verkehr, den wir vielleicht oder auch nicht in dreißig Jahren haben werden, umgegangen werden?

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